Wissen
Wissen bezeichnet die Gesamtheit der Kenntnisse, Fähigkeiten und Überzeugungen, die ein Individuum oder eine Gemeinschaft über die Welt besitzt. In der klassischen Erkenntnistheorie gilt Wissen als wahre, gerechtfertigte Überzeugung – eine Definition, die bereits Platon im Dialog Theaitetos entwickelte und die bis heute im Zentrum philosophischer Debatten steht.
„Ich weiß, dass ich nichts weiß." — Sokrates (zugeschrieben), ca. 399 v. Chr.
1. Definition
Die philosophische Standarddefinition unterscheidet Wissen von bloßer Meinung durch drei Bedingungen: Eine Person weiß, dass p, wenn (1) p wahr ist, (2) die Person glaubt, dass p, und (3) die Person gerechtfertigt ist, p zu glauben. Edmund Gettier zeigte 1963, dass diese drei Bedingungen dennoch nicht hinreichen – womit er eine der produktivsten philosophischen Debatten des 20. Jahrhunderts auslöste.
2. Arten des Wissens
Explizites Wissen
Explizites oder deklaratives Wissen ist artikulierbar: es lässt sich in Sprache fassen, aufschreiben und übertragen. Dazu gehören Fakten, Theorien, Konzepte und Regeln.
Implizites Wissen
Michael Polanyi prägte 1966 den Begriff des tacit knowledge: Wissen, das wir besitzen, ohne es vollständig ausdrücken zu können. „Wir können mehr wissen, als wir zu sagen wissen." Fahrradfahren, Sprachintuition oder handwerkliches Können fallen in diese Kategorie.
Prozedurales Wissen
Wissen wie man etwas tut, im Gegensatz zum Wissen dass etwas der Fall ist. Ein Pianist weiß, wie man Chopin spielt – dieses Wissen lebt in den Fingern, nicht im Kopf.
3. Grenzen des Wissens
Immanuel Kant unterschied in der Kritik der reinen Vernunft (1781) zwischen dem, was erkennbar ist (Phänomene) und dem, was sich der Erkenntnis grundsätzlich entzieht (Noumena, das „Ding an sich"). Wissen ist damit stets perspektivisch und durch die Strukturen unserer Wahrnehmung geformt.
Die Wissenschaftsphilosophie nach Karl Popper betont darüber hinaus die prinzipielle Fehlbarkeit allen Wissens: Kein empirisches Wissen ist endgültig gesichert – es kann stets durch neue Beobachtungen widerlegt werden (Falsifikationismus).
4. Unwissen
Unwissen ist nicht bloß die Abwesenheit von Wissen, sondern ein eigenständiger epistemischer Zustand mit eigener Würde – und bisweilen mit eigener Kraft. Die Forschungsrichtung der Agnotologie (von griech. agnosis: Nicht-Wissen) untersucht, wie Unwissen entsteht, erhalten wird und manchmal sogar strategisch erzeugt wird.
„Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Es gibt bekannte Unbekannte – Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte – Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen." — Donald Rumsfeld, 2002 (nach einer älteren erkenntnistheoretischen Tradition)
5. Das Johari-Fenster
Das von Joseph Luft und Harry Ingham (1955) entwickelte Johari-Fenster beschreibt vier Quadranten des Wissens über sich selbst und die Welt:
Öffentlich (mir bekannt, anderen bekannt) – Blind (mir unbekannt, anderen bekannt) – Verborgen (mir bekannt, anderen unbekannt) – Unbewusst (weder mir noch anderen bekannt).
Der vierte Quadrant – das unbekannte Unbekannte – ist jener Bereich, den kein Bewusstsein beleuchten kann. Er ist die Heimat des echten Unwissens.
6. Das Paradox des Lernens
Jede Ausweitung des Wissens vergrößert zugleich die Kontaktfläche mit dem Unbekannten. Wer mehr weiß, weiß mehr darüber, was er nicht weiß. Unwissen ist damit kein vorübergehender Zustand, der durch genug Lernen überwunden werden könnte – es ist der treue Begleiter jedes Erkenntnisprozesses.
In diesem Sinne ist unlernen – das bewusste Loslassen falscher Gewissheiten – bisweilen der entscheidendere Schritt als das Hinzulernen neuer Fakten.